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Julius Liebrecht
Der langjährige Seniorchef der Firma C. H. Boehringer Sohn wurde um 30. Dezember 1891 in Oberlahnstein geboren. Seine Schulzeit verbrachte er in Mainz, wo er sich mit seinen späteren Schwägern anfreundete. Nach dem Abitur entschied er sich gemäß der Tradition seiner Familie für die Offizierslaufbahn. Als hochdekorierter Rittmeister schied er nach dem Ende des Ersten Weltkrieges aus der Armee aus.
Nach seiner Verheiratung mit Ilse Boehringer trat Julius Liebrecht 1920 unter der strengen, aber verständnisvollen Anleitung seines Schwiegervaters - des Kommerzienrates Dr. h.c. Albert Boehringer - in das Unternehmen ein, dem er fortan bis ins hohe Alter seine ganze Tatkraft widmete. In den Auseinandersetzungen während der Ruhrbesetzung 1923 wurden sein Schwiegervater Albert Boehringer und dessen Sohn – wie viele andere auch – durch die französische Besatzungsmacht aus Ingelheim ausgewiesen, so dass Julius Liebrecht das Ingelheimer Werk zeitweise allein zu leiten hatte. Weit blickend richtete er sein Augenmerk auf den Produktionsausbau der organischen Säuren, auf die Backhilfenherstellung und das Personalwesen.
Den zweiten Weltkrieg erlebte Julius Liebrecht als Oberstleutnant der Luftwaffe in Frankreich und Russland. Seine beiden älteren Söhne fielen an der Ostfront. Vor allem nach der Währungsreform und dem Abbau der Zwangswirtschaft gelang es Julius Liebrecht in nahtloser Zusammenarbeit mit seinen Schwägern, das Ingelheimer Unternehmen durch weitsichtige Planung, kluge Entscheidungen, durch Mut und Elan im marktwirtschaftlichen Aufwind zu einer Weltfirma umzugestalten. Dies brachte in diesem Ausmaß früher nicht gekannte Kontakte mit dem Ausland mit sich und für Julius Liebrecht in der Wahrung und Erweiterung von Geschäftsbeziehungen ein stetig wachsendes Maß an Arbeit und Verantwortung. Dies gilt vor allein für die Zeit, als er nach dem Tode auch seines jüngeren Schwagers Dr. Ernst Boehringer von 1965 an alleine die Zügel der Firmenleitung in die Hand nehmen musste.
Am 10. Juli 1970 feierte Julius Liebrecht hoch geehrt sein 50jähriges Dienstjubiläum. In der Reihe der Laudatien wurden ihm Ausgeglichenheit, Disziplin und Verantwortungsbewusstsein, Tatkraft und Pflichtgefühl, Weitsicht und seltene Erfahrungsfülle bescheinigt. So hat der Ehrenbürger in einem reichen und langen Leben vieles erfolgreich gestaltet und weit über den Fabrikzaun hinaus segensreich in die Öffentlichkeit gewirkt. Dieses Wirken fand ein Echo in vielen äußeren Ehrungen. 1961 ernannte der Stadtrat Julius Liebrecht zum Ehrenbürger von Ingelheim. 1957 bereits war ihm die gleiche Würde von der Universität Mainz verliehen worden. 1967 zeichnete der Bundespräsident den Ingelheimer Industriekapitän mit dem Stern zum Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland aus.
Noch mit über achtzig Jahren war Julius Liebrecht seinen Passionen als ehemaliger Dragoneroffizier treu, saß fast täglich zu Pferde und nahm gern an den Ingelheimer Niederwildjagden teil.
Am 13. September 1974 verstarb er zu Ingelheim, der Stadt, die ihm zur Heimat geworden war. Auch er ist im Boehringer-Familiengrab auf dem Nieder-Ingelheimer Friedhof beigesetzt.





















