Haderbuch Nummer 5 Online verfügbar

Haderbuch Großwinternheim online verfügbar

 

Was passierte mit einem Viehhändler, der ein scheinbar krankes Schwein an einen Bauern verkauft hat und dieses auf dem langen Heimweg nach „Winternheim“ verlustig gegangen ist?

Solcherlei „Hader“ oder Streit wurde in den Ingelheimer Gerichtbüchern niedergeschrieben, die für die Wissenschaft einen unschätzbaren Fundus an Informationen über das Leben im Mittelalter darstellen.

Knapp 570 Seiten saubere Einträge, verpackt in einem Band von sechs Zentimeter Breite berichten über die dortigen Streitigkeiten und zeichnen ein Bild vom Leben eines Dorfes um die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit. Somit kann man nun auch zu den Großwinternheimer Beleidigungsklagen, Ehebrüchen, Erbrechtsstreitigkeiten, tätlichen Angriffen, Betrugsdelikten, Nachbarschaftszwisten oder Wirtshausschlägereien ab sofort über den Internetauftritt www.haderbuecher.de bequem per Mausklick recherchieren – bequem auch deswegen, weil es somit keine sieben Kilo schweren Bände mehr zu handhaben gilt.

Das nun digitalisierte Buch aus Großwinternheim deckt den Zeitraum von 1490 bis 1502 ab. In modernem Webdesign und Weblogik gestaltet, bietet das Haderbuch nun jede Menge Such- und Nachschlagefunktionen. Man sieht neben dem eingescannten Original die Transkription und die Übersetzung in heutiges Deutsch. Daneben haben Dr. Stefan Grathoff, Dr. Regina Schäfer und sein Team akribische Feinarbeit geleistet, so dass ein Register alphabetisch etliche Worte erklärt und gleichzeitig zu den jeweiligen Seiten verschlagwortet ist. Und mit allen gängigen Suchmaschinen ist die Seite schnell zu finden, also für Historiker und interessierte Bürger gleichermassen interessant.

Bei der offiziellen Vorstellung der Online-Ausgabe des Großwinternheimer Haderbuchs betonten der Vorsitzende des Instituts für geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V. Professor Michael Matheus und der Geschäftsführer Dr. Kai-Uwe Sprenger die Bedeutung für viele Wissenschaftszweige. So sind nicht nur Sprach- oder Religionswissenschaftler am Leben der Ingelheimer in jenen Zeiten des Umbruchs mit Reformation, Entdeckung von Amerika oder des Buchdrucks interessiert, es sei auch landeshistorisch ein wahrer Schatz. Zunehmend forschen auch Sozialhistoriker zum Thema Zu- und Abwanderung und Migration, die eine weit größere Rolle in jener Zeit gespielt hatte, als bisher bekannt war.

Und Oberbürgermeister Ralf Claus verriet, dass die Finanzierung für das nächste digitale Buch aus Wackernheim gesichert sei.

 

Weitere Infos:

Über einen Zeitraum von exakt 147 Jahren (1387-1534) sind in den 19 vollständig erhaltenen Bänden, die im Ingelheimer Stadtarchiv verwahrt werden, die angefallenen Prozesse dieses Laiengerichts dokumentiert und stellen damit für die heutige Forschung eine einzigartige Quelle dar, die eine Fülle interessanter Informationen zum Leben in früheren Epochen bietet. Die Protokollbücher gelten damit als die ältesten seriell erhaltenen gerichtlichen Textzeugnisse im deutschsprachigen Raum.

Fünf dieser Bände werden seit dem Jahr 2010 im Rahmen des Editionsprojektes „Ingelheimer Haderbücher“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, in dem nicht nur die für die wenigsten Menschen lesbare Schrift von Mitarbeitern des Instituts für Geschichtliche Landeskunde der Universität Mainz transkribiert, sondern auch die kaum verständliche Sprache in heute begreifliches Deutsch übersetzt wird.