Zweiter Wohndialog: Die künftige Mischung der Wohnformen wurde diskutiert

Foto: Moderatorin Kristina Oldenburg (links) diskutiert unter den nötigen Hygienevorkehrungen mit Prof. Dr. Annette Spellerberg die künftige Mischung der Wohnformen. Bild: Stadtverwaltung.


Es herrschte Atmosphäre wie in einem Fernsehstudio: Die zweite Veranstaltung im Rahmen des Wohndialogs fand am Abend des 24. März im Foyer der kING ohne Zuschauer vor Ort statt. Aufgrund der Pandemie sah sich die Stadtverwaltung gezwungen, auf eine Präsenzveranstaltung zu verzichten und dafür einen hochwertigen Livestream anzubieten. Dank einer interaktiven App konnten die Zuschauerinnen und Zuschauer sich dennoch einbringen und live Anregungen und Fragen in die Diskussion geben. Das Thema des Abends lautete: „Welche Mischung der Wohnformen hat Zukunft?“

Zunächst hielt Prof. Dr. Annette Spellerberg von der Technischen Universität Kaiserslautern einen Impulsvortrag. Die Expertin in Stadt- und Wohnsoziologie beschrieb die Probleme, mit denen sich viele Klein- und Mittelstädte konfrontiert sehen. Besonders betonte sie den unaufhaltsamen demografischen Wandel, der die Generation der „Baby-Boomer“ in den nächsten Jahren zwangsläufig dazu bringen werde, sich um die Gestaltung des Lebens im hohen Alter Gedanken zu machen. Zusätzlich müsse die Politik sich damit auseinandersetzen, dass auf dem Wohnungsmarkt ein Gedränge aus verschiedenen demografischen und sozialen Schichten herrsche. „Untersuchungen zeigen uns deutlich, dass kleinere Mittelstädte die meistgenannten Wunsch-Wohnorte in Deutschland sind. Diesen Druck bekommt natürlich auch Ingelheim zu spüren“, so Spellerberg. Um diesem Druck zu begegnen und Wohnformen den sich ändernden Bedarfen anzupassen, gebe es laut der Stadtsoziologin verschiedene Mittel, darunter Nachbarschaftsprojekte und -hilfen stärken, quartiersbezogene Stadtplanung ermöglichen, gemeinschaftliche Wohnprojekte fördern und die „Beheimatung“ möglichst vieler sozialer Schichten als Ziel festlegen.

In der anschließenden Gesprächsrunde, die von Kristina Oldenburg (Kokonsult) moderiert wurde, wurden einige der Vorschläge diskutiert und die konkrete Situation in Ingelheim beleuchtet. So verdeutlichte Stephan Trautmann, Geschäftsführer des Immobilienbüros Trautmann Immobilien, die Notwendigkeit zum Handeln: „Die Preise für Wohnraum sind sehr stark gestiegen, wir liegen in Ingelheim nur noch knapp hinter Mainz. Selbst Viertel, die vor einigen Jahren noch richtiggehend unbeliebt waren, wie das Herstel, sind mittlerweile attraktive und hochpreisige Wohngegenden.“ Franz Göbel, Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft WBI, wünscht sich aufgrund der drängenden Probleme rasch eine breit angelegte Debatte: „Wir sollten möglichst schnell den Dialog vertiefen und intensivieren, am besten mit breiten Teilen der Bürgerinnen und Bürger. Es muss klar werden, dass wir hier ein Großthema ansprechen, bei dem wir uns nicht in zu kleinteiligen Debatten verlieren dürfen.“ Dem stimmte Oberbürgermeister Ralf Claus zu und wiederholte auch an diesem Abend seinen dringenden Appell nach der Schaffung von zusätzlichem Wohnraum für alle: „Nicht nur die Menschen, die gerne in unsere Stadt ziehen wollen, sondern auch alle, die bereits hier leben, sind von der Situation betroffen. Alle die sich, ob jung oder alt und egal aus welchen Gründen, wohnlich verändern wollen oder müssen, haben das Problem etwas Adäquates beziehungsweise Bezahlbares zu finden.“ So seien gerade Facharbeiterinnen und -arbeiter, Pflegepersonal, Kassiererinnen und Kassierer und viele weitere Menschen aus der Mittelschicht von der Wohnungsnot betroffen. „Als Stadt sind wir in der Situation, dass wir händeringend Erzieherinnen und Erzieher suchen, ihnen aber keinerlei passenden Wohnraum zur Verfügung stellen können“, gab Claus ein Beispiel.

So konnte die Runde an diesem Abend freilich keine Patentrezepte liefern, aber dennoch das Bewusstsein für die Problematik schärfen. Prof. Dr. Spellerberg betonte in der Schlussrunde die Notwendigkeit, in die Zukunft zu blicken: „Wir sollten heute Wohnen so gestalten, dass auch den nachkommenden Generationen ein gutes Wohnen nicht verwehrt wird.“ Und OB Claus schloss mit einem Appell ab: „Ich hoffe, dass unser Segen in Ingelheim nicht zum Fluch wird. Wir haben gute Voraussetzungen, die Probleme anzugehen, aber dies dürfen wir nicht länger aufschieben. Darum sollten wir uns alle in der Stadtgesellschaft und gerade auch in der Politik mit dem Thema befassen.“

Auch der Wohndialog soll weitergehen. Eine Fortsetzung wird zu gegebener Zeit in der Presse sowie auf der Internetseite www.ingelheim-wohnt.de bekanntgegeben. Der gesamte Livestream als Videoaufzeichnung sowie weitere Informationen stehen auf der Seite ebenfalls zur Verfügung.